Seit einiger Zeit werde ich öfters gefragt, welcher Stil denn das sei, den ich da tanze. Vielleicht Cuban-Style? Oder gar Afro-Cuban-Style? Ich habe lange über diese interessante Frage nachgedacht. Auch die Werbezettel der diversen deutschen oder Latino-Tanzlehrer haben sich verändert. Es wird nicht mehr Salsa und Merengue sondern New Yorker-, Puerto Rican- oder Cuban-Style oder auch noch etwas anderes feilgeboten. Und das neben Kursen für Fallfiguren und Haarfiguren. Woher kommen diese Begriffe für die verschiedenen behaupteten Stile überhaupt? Und was meinen sie genau?
Richtig ist, daß die Art wie Salsa getanzt wird sich regional stark unterscheidet, wie ja auch der Sound der produzierten Salsa-Platten starke regionale Unterschiede besitzt. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, daß schon innerhalb nur eines Landes starke stilistische Unterschiede im Salsa-Tanzstil existieren. Eine weitere Dimension bewegt sich entlang ethnischer Grenzen quer über alle Ländergrenzen hinweg. Die schwarze salsatanzende Bevölkerung tanzt durch ihre stärkeren afrikanischen Wurzeln mit ganz anderem Ausdruck zu derselben Musik wie ihre weißen, eher in spanisch-europäischer Tradition geprägten Landsleute. So stellt sich dann die Frage, was genau z. B. der Begriff New York Style eigentlich meint. Vielleicht den Stil der puertorikanischen oder der kubanischen oder der kolumbianischen Nachbarschaft im Big Apple? Oder den der jungen Leute? Oder den der alten Leute, die noch in der Mambo Time ihre tänzerische Prägung bekamen? Und wie ist es auf Kuba? Ist kubanischer Stil das, was die jungen Leute tanzen oder die alten in Son, Danzon, Mambo, Guaracha oder gar Rumba Tradition? Oder eher wie die Weißen oder wie die Schwarzen? Wie die aus Havana oder die aus Santiago de Cuba??? Ach ja, da gibt es ja auch noch jene Grenze zwischen denen, die mit einem Vorschritt auf der "1" des Taktes beginnen und den anderen, die auf der "2" den Vorschritt tanzen. Aber dummer Weise finden sich beide Ansätze in allen drei hier erörterten Stilrichtungen.
Was schließen wir nun aus diesen verwirrenden Erkenntnissen? Wie gesagt gibt es Unterschiede und de facto also auch Stile. Diese sind u. a. aus regionalen, musikalischen und tänzerischen Einflüssen, ethnischen und kulturellen Unterschieden erklärlich. Sie verlaufen jedoch keineswegs in dem einfachen Raster New York, Puerto Rico und Kuba.
Wie kommt nun solcher Unsinn überhaupt in die Welt? Schuld sind letztlich die Tanzlehrer (so einfach ist das manchmal) in ihrem Streben nach Profilierung. Die einen übernehmen einfach die Bezeichnung, die sie in ihrer eigenen Ausbildung bei einem anderen Tanzlehrer gehört haben (die ihrerseits das übernommen haben, was sie in ihrer eigenen Ausbildung...). Besonders pfiffige Exemplare erfinden auch schon mal selbst eine Stilbezeichnung (Fallfiguren im linksgekröpften Puertorican Style), sind insofern also stilprägend und stilbildend tätig. Alle profitieren letztlich davon, daß sich eigentlich keiner so richtig auskennt und Salsalogie auch sonst im Grunde keine exakte Wissenschaft ist und es ja irgendwie auch um andere Dinge als die einzig wahre Stillehre ankommt.
Was bleibt ist die Frage nach gutem Tanzunterricht. Mal ganz abgesehen von geschmacklichen Fragen und den individuellen didaktischen und tänzerischen Fähigkeiten der einzelnen Lehrer ist für mich die Eignung der gelehrten Figuren für den Dancefloor besonders wichtig. Was nützen wunderschöne Figuren, die nur die SchülerInnen dieses einen Tanzlehrers miteinander tanzen können? Oder auch Figuren,die nicht zu führen sind. Also etwa abgesprochenes 3x nach links und 4x nach rechts hüpfen. Oder auch Schritte, die so raumgreifend sind, daß pro Tanzpaar einige Quadratmeter freier Tanzfläche zur Verfügung stehen müssen, um sie zu tanzen? Ähnliche Probleme bereiten Tanzlehrer, die sich aus welchen Gründen auch immer (etwa weil sie es schöner finden oder weil sie glauban, sich auf diese Weise profilieren zu können) glauben, die Profi-Variante mit dem Vorschritt auf der "2" unterrichten zu müssen. Schwierige Sache, zu vielen vor allem kubanischen Stücken ein tolles Erlebnis, aber auf den Tanzflächen der Welt durchweg ungebräuchlich und daher unbrauchbar. So tanzt Otto-Normalsalsero weder in Dortmund noch in New York, noch in Puerto Rico noch sonstwo (?). Hieraus ergeben sich die folgenden (ganz und gar nicht vollständigen) Regeln für guten Tanzunterricht: Die gezeigten Figuren müssen zu führen und dabei platzsparend tanzbar sein. Der Vorschritt sollte nicht auf der "2" sonder dancefloor-konform und stinknormal auf der "1" liegen. Die wichtigen Fragen liegen somit ganz jenseits der so oft gestellten Frage nach New York, Puertorican oder Cuban Style. (von Dirk Banscherus)
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