Bemerkungen über die
Salsa und CD-Tipp von Rob Lücking
(aus Bamboleo Heft XVI / August-September 2001)
Im letzten Heft schloß Chuck Herrmann seine tolle Serie "That Latin Tinge" zur Geschichte der Salsa-Musik mit einem düsteren Ausblick auf die derzeitige Situation der Salsa-Szene ab. Nicht nur in Deutschland, auch weltweit scheint Salsa in der Krise zu sein. Nicht nur was die Musik selbst angeht, sondern vor allem deren Reflexion in den Medien und ihre Beliebtheit beim Tanzpublikum (hierzu auch die Internet-Beiträge von Abel Delgado und von mir selbst). Wie kann das sein, haben wir da nicht seit Jahren einen Salsa-Boom? Leider, muß ich sagen, spricht mir Chuck mit seinen Äußerungen aus der Seele; in allen drei Punkten muß ich ihm uneingeschränkt recht geben.
Die Salsa-Szene in Deutschland, da braucht man sich nichts vorzumachen, wird im wesentlichen von den hier ansässigen Latinos getragen. Das gilt vor allem für Orte, wo noch amerikanische Soldaten stationiert sind, zu einem nicht geringen Anteil Latinos (Puertoricaner, Dominikaner etc.). Salsa unter Deutschen hingegen läßt sich vielfach auf das reduzieren, was unsere Tanzkultur allgemein ausmacht: man belegt einen Tanzkurs, weil man entweder "in" sein, den Tanz technisch beherrschen, andere Leute kennenlernen oder einfach auf diese Art seine Freizeit verbringen will. Ich erlebe das jeden Mittwoch mit: da geben wir einen zweistündigen Salsakurs vor unserer wöchentlichen Salsa-Night, und anstatt anschließend die Musik zu genießen, gehen die Leute nach Hause! Abgesehen vom Spaß am Tanzen fehlt da ein Element völlig: der Spaß an der Musik selbst!
Woran kann das liegen? Die Antwort ist einfach: wo, bitteschön, hören wir schon Salsa, Merengue, Bachata, geschweige denn Cumbia, Plena, Bomba, Pilón, Pachanga, Latin Jazz, außer in der Salsotheca oder ein bis zwei Stunden in einigen wenigen lokalen Radiosendern (z.B. Radio Lora)? Ich selbst habe bei meinem ersten Costa Rica-Aufenthalt vor 14 Jahren drei Monate gebraucht, um mich bei Dauerberieselung erst an die Musik zu gewöhnen und dann ein Salsaholic zu werden. Und ich war als DJ und begeisterter Tänzer immerhin sensibilisiert. Man kann also von jemandem, selbst wenn er regelmäßig seinen Urlaub in der DomRep, Kuba oder sonstwo in der Karibik verbringt, kaum die gleiche Begeisterung für Salsa erwarten wie von Latinos, die mit der Musik aufgewachsen sind. Genau diese Begeisterung, diese Liebe zur afrokaribischen Musik ist aber notwendig, um hier in Deutschland eine solide Salsa-Szene zu erhalten bzw. eigentlich erst einmal aufzubauen. Hier sind ganz klar und in erster Linie die Medien, d.h. Radiosender und Musikkanäle im Fernsehen gefragt. Wenn dort nicht mehr Offenheit gegenüber anderer Musik als Mainstream-Pop gezeigt wird, haben Salsa und Merengue keine Chance, über ihren Status als Subkultur hinauszukommen. VIVA's Ritmo ist ein guter Ansatz, mit bisweilen erstaunlichen Lichtblicken, aber ausreichen kann das keinesfalls. Und das Argument, daß der deutsche Markt nicht das Potenzial für mehr afrokaribische Musik hätte, ist ein Zirkelschluß, denn mit mehr Salsa in den Medien ließe sich dieses Potenzial leicht erzeugen.
Was den Spaß am Tanzen angeht, so sehe ich ebenso wie Chuck ein wesentliches Problem bei den Tanzlehrern. Ich habe selbst schon mehrere Salsa-Tanzkurse mitgemacht, und bis heute sind mir kaum Tanzlehrer untergekommen, die ihr Metier wirklich beherrscht hätte. Das geht schon los, wenn man salsamäßig vorbelastet einen Tanzkurs belegt und dann zu hören bekommt, man tanze einen falschen Schritt, nur weil man statt dem dominikanischen den kolumbianischen Stil draufhat. Diese Diskussionen erlebe ich ständig, sogar unter Latinos verschiedener Nationen, worauf ich immer nur sagen kann: Salsa tanzen ist ebenso vielfältig wie die Musik, und die dahinterstehende Kultur soll vor allem eines vermitteln: Toleranz. Es gibt keinen falschen Salsaschritt, es gibt nur unterschiedliche Stilrichtungen, und ein guter Tanzlehrer sollte sie alle beherrschen (augezeichnetes Beispiel: Jördis & Henrys Salsa-Homepage). Nichts vermiest einem Deutschen mehr den Spaß am Tanzen als die Bemerkung, man habe etwas Falsches gelernt, denn schließlich wollen wir doch in allem perfekt sein. Das Wesentliche, nämlich der Spaß am Tanzen, gerät dabei völlig in den Hintergrund. Daher sollte ein guter Tanzlehrer erst einmal die verschiedenen Stilrichtungen vorstellen, deren Herkunft erklären, und sich dann erst auf eine Technik konzentrieren (wobei man unterschiedliche Techniken im übrigen problemlos kombinieren kann!). Darüber hinaus ist es zweitrangig, ob Tanzlehrer Deutsche oder Latinos sind, beides bringt Vor- und Nachteile mit sich. Während ein Deutscher selten das Musikgefühl eines Latinos zeigen kann, haben viele Latinos kein Verständnis dafür, welchen Problemen ein deutscher Tanzschüler beim Er-Hören des Rhythmus oder beim Bewegen seines steifen Körpers gegenübersteht. Ein gutes Beispiel: die Hüftbewegung beim Merengue. So einfach zu lernen, wenn man gesagt bekommt, wie's geht. Ein Mysterium dagegen, wenn nicht!
Und was ganz wichtig ist: vor jedem Tanzkurs sollte eine Einführung in die Salsa-Rhythmik stehen! Warum höre ich beim Salsa keinen Beat? Kein Bumm-Bumm, sondern Duk-Duk-Daka-Du-Dak-Dak-Du-Daka-Daka? Wie finde ich trotzdem den Takt? Welche der vielen Rhythmusinstrumente sind wesentlich für die Vorgabe des Taktes? Ich habe bis heute kaum einen Tanzlehrer gesehen, der das vermittelt hätte, dabei ist es gar nicht so schwer. Und das Verstehen des Rhythmus ist das Schlüsselelement zum Verstehen der Musik, erst dann kommt der Spaß, aber er kommt bestimmt! Leider haben wir Deutschen eine Mentalität des technischen Perfektionismus, die sich dahingehend ausdrücken, daß wir meinen, wir könnten gut tanzen, wenn wir komplizierte Figuren beherrschen. Weit gefehlt! Einen guten Tänzer erkennt man an der Bewegung der Füße, der Hüfte, der Arme und des Kopfes, selbst wenn er gar keine Figuren tanzt. Ein guter Tänzer ist eins mit der Musik, und das hat mit Figuren zunächst einmal gar nichts zu tun. Nicht umsonst wiederholen sich die gleichen Figuren in so unterschiedlichen Tänzen wie Salsa und Disco-Fox. Erst wenn ich beim Bügeln eines Seidenhemdes die Füße im Salsa-Rhythmus bewege, nebenher mit einer Hand die Conga auf dem Bügelbrett nachahme und mir genußvoll die aggressiven Bläsersätze von Cubanismos Paso De Encarnación reinziehe, dann fange ich an, Salsa wirklich zu verstehen und zu beherrschen. Das zu vermitteln, ist eigentlich die primäre Aufgabe eines Tanzlehrers, denn hier wird der Grundstein dafür gelegt, ob aus einem an Pop- und Volksmusik gewöhnten Deutschen ein Salsaholic wird oder nicht.
Noch einen wichtigen Punkt hat Chuck angesprochen: die Musik selbst bzw. das, was in "normalen" CD-Shops so angeboten wird. Buena Vista hier, Buena Vista da, nicht mehr als die Reflexion einer seit einigen Jahren andauernden Modeerscheinung. Und nachdem diese zwangsläufig abflaut, bleibt nicht mehr viel übrig. Hier haben es Plattenfirmen und Medien ganz klar verpaßt, die Chance zu nutzen und die ganze Vielfalt afrokaribischer Musik auf den deutschen Markt zu bringen, denn von kubanischen Greisen kann eine Salsa-Szene auf Dauer nicht leben. Obwohl Ibraim Ferrer und Co. musikmäßig immer noch mehr drauf haben als viele ihrer jüngeren Kollegen! Wo kriege ich schon aktuelle Salsa- und Merengue-Scheiben, Bachata, Soca, Zouk, Latin Jazz, Cumbia etc.? Nirgendwo, es sei denn in ausgezeichneten lokalen bzw. Internethändlern wie Musica Latina, Contacto Latino, Danza Y Movimiento, Anacaona oder Amazon. Oder bei WOM, aber da schrecken die hohen Preise die meisten potentiellen Käufer ab. Und wie finde ich mich in der überwältigenden Vielfalt zurecht? Gute Sampler sind hier ein wichtiges, oft unterschätztes Medium! Ich selbst habe durch Sampler den Zugang zu Gruppen wie Africando, Ricardo Lemvo oder Wayne Gorbea gefunden, als diese bei uns noch unbekannt waren. Gute Sampler sind allerdings Mangelware, allzu oft durch Marktzwänge beherrscht, oder nutzen momentane Modeerscheinungen, um Massenware auf den Markt zu werfen. Womit wir wieder bei Kuba wären. Aber leider gilt das auch für renommierte Serien wie Calle Ocho, Avenida Diez, Salsa-, Merengue- und Bachatahits etc. Oder man bekommt gecoverte Konserven zum Schleuderpreis nachgeworfen. Ausnahmen wie die französische Planete-Reihe sind eine große Seltenheit, und nur ab und zu stößt man auf wirklich gute Sampler wie DYMs FIESTA und FIESTA II, Sonys SALSA FRESCA oder das brandneue LATIN THE ESSENTIAL ALBUM.
Zum Abschluß dieser zugegebenermaßen düsteren Ausführungen (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren!) möchte ich daher die Gelegenheit nutzen, um auf einen erstklassigen Sampler des Labels Palm Pictures hinweisen, der letztes Jahr erschienen ist. "The Real Deal", so der Untertitel dieses Samplers mit dem Namen SALSA DANCE CLASS (© Palm Pictures 2000, PalmCD 2037-2). Auf den ersten Blick völlig unscheinbar, geht daher im CD-Regal leicht unter, aber was drinsteckt, kann sich sehen lassen: der Wolf im Schafspelz sozusagen! Zwölf heiße Salsa-Stücke, die abseits des Mainstream liegen und bei denen trotzdem (oder gerade deswegen!) die Post abgeht. Und das fast 80 Minuten lang! Über Wayne Gorbea's Cógele El Gusto braucht man nicht mehr viel Worte zu verlieren: gigantische neun Minuten Salsa Dura! Gäbe es nicht Pedro Navaja, so wäre dies mein Salsa-Favorit aller Zeiten! Die meisten der anderen Stücke dürften selbst eingefleischten Salsaholics dem Namen nach unbekannt sein, aber spätestens beim ersten Reinhören gibt's dann Aha-Effekte. Etwa bei Laba Sossehs Afro-Version von Joe Arroyo's Yamulemau oder Charanga Tapas Interpretation des Palmieri-Klassikers Vamonos Pa'l Monte, die beide selbst schon zu Klassikern geworden sind. Nicht zu vergessen Louie Ramirez' Feo Pero Sabroso, einer der größten Salsa-Dancefloor-Hits aller Zeiten. Wer hier den Salsa-Beat nicht hört, ist selbst schuld! Mein dominikanischer Freund und Profitänzer Miguel bekam eine Gänsehaut, als er Linda Leidas Tumbao hörte; bei uns sind Stück und Interpretin völlig unbekannt. Erwähnenswert auch die Salsaversion von No Woman, No Cry der Londoner Band Merengada, ein Abräumer in den dortigen Salsothecas.
Fazit: ein Sampler, wie er sein sollte! Nicht zum X-ten mal die gleichen, immer wieder aufgewärmten Konserven, sondern eine CD voller Überraschungen. Tief in die Schatzkiste der Salsa gegriffen und ein paar Juwelen herausgeholt, kompiliert von Dave Hucker, einem Kenner der Szene. Und was obendrein dazukommt: da werden im Booklet doch tatsächlich unterschiedliche Salsa-Tanzstile erklärt und illustriert. Nicht ganz einfach für den Anfänger, und nicht so gelungen wie auf Jördis & Henrys Salsa-Homepage, aber doch sehr aufschlußreich. Wer bisher nur den New York-Style kannte, erfährt hier, daß es auch den Kuba/Miami- und den Kolumbien-Style gibt (neben vielen anderen, hier nicht erwähnten). Denn als Deutscher einem Kolumbianer zu erzählen, daß der einen falschen Salsa-Schritt tanzt, das könnte unter Umständen lebensgefährlich sein!